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Giga Fiber: Glasfaser-Internet für 0 Euro?

Giga Fiber: Glasfaser-Internet für 0 Euro?

Donnerstag, 26.10.2023

Neue Technik ist am Anfang oft teuer. Schwung kommt erst rein, wenn es Möglich­keiten gibt, die Technik scheinbar "kostenlos" oder "günstig" zu bekommen. Jörg Müller, der Vertre­tungs­berech­tigte der Giga Fiber GmbH, wirbt  auf seiner Home­page www.gigafiber.io für "schnelles Glas­faser-Internet ohne Anschluss­kosten oder monat­liche Gebühren".

"There is no free lunch", heißt ein alter Merk­spruch der Branche und so wird man schnell hell­hörig, wie denn ein "kosten­loser" Glas­faser-Anschluss möglich sein soll. Wo liegt oder ist der Haken? „Wir schenken Dir das Internet zum Tarif von null Euro“, so das voll­mun­dige Verspre­chen in einem Werbe­video auf der Home­page, auf sozialen Medien in bestimmten klas­sischen TV-Programmen und auf Plakat­wer­bung, z.B. auf Bahn­höfen, wie in Frank­furt/Main.

Regu­läre Preise von 40 bis 80 Euro - pro Monat

Allen Verspre­chungen zum Trotz: Nicht überall in Deutsch­land gibt es Glas­faser wirk­lich bis ins Haus und wenn, dann kostet das Geld. Das güns­tigste Angebot von 1&1 könnte für 40 Euro pro Monat ins Haus kommen, bei der Deut­schen Telekom können es 55 aber auch 80 Euro sein - je nach gebuchter Geschwin­dig­keit - auch Preise von 120 Euro für Privat­kunden wurden schon gesehen. Und bei Geschäfts­kunden kann es richtig teuer werden.

Der mögliche Weg zum viel­leicht kosten­losen Glas­faser-Internet

Zurück zu Giga Fiber: Man soll sich eine Smart­phone-App (für Android oder Apple) herun­ter­laden und dort Namen und Wohnort angeben. Nun kann die Geschichte schon zu Ende sein, weil ein Glas­faser-Ausbau vor Ort auf lange Zeit nicht absehbar ist. Viel­leicht wohnt der Antrags­steller viel zu abseits, viel­leicht sind auch die Bauun­ter­nehmen hoff­nungslos im Rück­stand. Werfen wir also einen vorsich­tigen Blick in die allge­meinen Geschäfts­bedin­gungen von Giga Fiber und da steht ganz klar in Punkt 3.2.b:

„Im Gegenzug sicherst Du dir mit der Abwick­lung Deiner Zahlungen (z.B. Miete, Neben­kosten, Darlehen) über den von GIGA FIBER zur Verfü­gung gestellten Zahlungs­dienst­leister die Nutzung des Glas­faser Inter­nets für Null (0) Euro."
Das bedeutet: Alle Über­wei­sungen für Miete, Neben­kosten, Kredite und so weiter sollen über eine nament­lich noch nicht genannten Zahlungs­dienst­leister laufen.

Finan­zieller Strip­tease notwendig?
Dieser Zahlungs-Dienst­leister bekommt somit einen tiefen Einblick in das finan­zielle Privat­leben des Kunden und kann daraus seine Geschäfts­modelle finan­zieren, beispiels­weise könnte der Glas­faser-Kunde regel­mäßig mit Werbung für teure und für den Anbieter lukra­tive Produkte und Dienst­leis­tungen beglückt werden.

Verbrau­cher­schützer skep­tisch
Die Tages­zei­tung Welt hat mit Felix Flos­bach von der Verbrau­cher­zen­trale Nord­rhein-West­falen gespro­chen. Und dieser rät zur Vorsicht: „Die konkreten Bedin­gungen werden aus meiner Sicht nicht eindeutig darge­stellt, scheinbar möchte der Anbieter umfang­reiche Daten über Zahlungs­flüsse sammeln.“

Giga Fiber lobt neue Finan­zie­rung
Giga Fiber sieht das laut Welt anders. Das Unter­nehmen erkenne in dieser Form der Refi­nan­zie­rung eine Möglich­keit, das von der Bundes­regie­rung ausge­gebene Ziel einer flächen­deckenden Glas­faser­ver­sor­gung bis 2030 zu erfüllen. „High­speed-Internet gehört zur Grund­ver­sor­gung überall und für alle“, wird der bereits erwähnte Jörg Müller, Geschäfts­führer von Giga Fiber, zitiert. „Mit unserem kosten­losen Angebot wollen wir die Digi­tali­sie­rung in Deutsch­land wesent­lich voran­treiben, und zwar so einfach und effi­zient wie möglich.“ Theo­retisch könnte Giga Fiber mit einer großen Zahl von "Kunden" mehr Schwung in den Ausbau bringen, weil die Netz­betreiber dann "sehen", dass Inter­esse besteht. Aber ob das prak­tisch funk­tio­nieren wird?

Poten­zielle Kunden haben wenig Inter­esse an Glas­faser
In der Tat stehen die Unter­nehmen, die wirk­lich ausbauen, vor einem großen Dilemma: Es soll ausge­baut werden oder es wird schon gebaut, aber die in Frage kommenden Kunden winken entweder ganz oder teil­weise ab. Einen kosten­losen Glas­faser­anschluss ins Haus würden viele sich legen lassen. Aber das volle Programm für 80 Euro im Monat (oder sogar noch höher) ist den meisten Kunden schlicht zu teuer. Dazu schre­cken viele Kunden vor umfang­rei­chen Bauar­beiten auf dem Grund­stück oder im Haus ("Der ganze Dreck und die Umstände") bei der Verle­gung der Glas­faser zurück.

Homes passed - aber wo ist die Faser?
Oft liegt die Glas­faser schon in der Straße ("Homes passed"), die einzelnen Häuser sind aber nicht ange­schlossen und werden es auch auf Anfrage nicht, weil Buchungs­sys­teme nicht funk­tio­nieren oder beim Wunsch-Anbieter ein gewisses Orga­nisa­tions-Chaos herrscht. Auch bei der markt­beherr­schenden Telekom übri­gens, wie einige der Redak­tion vorlie­gende Fälle belegen.

Vorver­mark­tungs­quote: 30-40 Prozent
Gerade kleiner Anbieter machen eine Vorver­mark­tungs­quote von 30 oder 40 Prozent zur Bedin­gung, bevor sie mit dem Ausbau anfangen. Das heißt, es müssen genü­gend Kunden unter­schrieben haben, bevor die Bagger anrollen. Um die poten­ziellen Kunden zu moti­vieren, werden Verkaufs­teams durch die Straßen geschickt, die dann aber viele Fragen nicht klar beant­worten können - sei es aus fehlender Sach­kenntnis oder aus dem Druck heraus, möglichst viele Unter­schriften in möglichst kurzer Zeit zu bekommen, um damit ihren Lebens­unter­halt finan­zieren zu können.

Weniger nutz­bare Glas­faser­anschlüsse als gedacht
Das bedeutet offenbar, dass in Deutsch­land mehr als 17 Millionen Haus­halte per Glas­faser "erreichbar" wären, aber nur knapp neun Millionen davon einen echten Glas­faser-Anschluss­punkt im Haus haben. Und davon sind nur 4,4 Millionen aktiv geschaltet, sagt der Bundes­ver­band Breit­band­kom­muni­katon (Breko).

Markt­treiber kosten­loses Internet?
Zurück zu Giga Fiber: Gäbe es einen Null-Euro-Internet-Zugang und würden auch tech­nisch uner­fah­rene - also bislang kaum erschlos­sene Kunden­gruppen - hier mitma­chen, könnte die Anschluss­quote steigen. Doch ist das realis­tisch? Dort, wo es bereits Glas­faser im Haus gibt, will Giga Fiber die ersten Kunden bald akti­vieren. Geboten werden sollen 250 MBit/s. Wer es schneller haben möchte, kann das gegen Aufpreis dazu buchen. Der konkrete Preis soll „zusammen mit den Part­ner­unter­nehmen aus der TK-Branche kalku­liert werden“, so die Auskunft. Werden die Kunden dann zu "mehr" über­redet, um auf diese Weise die Geschichte doch noch zu refi­nan­zieren?

Wer steckt hinter Giga Fiber?
Mit wem Giga Fiber zusammen arbeiten wird, hat auch die "Welt" nicht heraus­gefunden: „Giga Fiber ist offen für Koope­rationen mit allen Tele­kom­muni­kati­ons­unter­nehmen, um den Ausbau insge­samt zu beschleu­nigen und Doppel­ausbau zu vermeiden.

Das Unter­nehmen Giga Fiber ist Mitglied in den Bran­chen­ver­bänden BREKO und VATM, trat aber bislang noch nicht auffal­lend in Erschei­nung. Somit ist auch unklar, wer das Vorhaben finan­ziert: „Die Inves­toren möchten aus Diskre­tions­gründen nicht im Vorder­grund stehen“, so ein Spre­cher des Unter­neh­mens gegen­über der Welt, die aber schon heraus­gefunden hat, dass einer der Inves­toren und Gründer des Unter­neh­mens Lars Diebold aus Frank­furt/Main ist.

Große Hoff­nungen setzt Giga Fiber laut Welt auf das Glas­faser­netz der Deut­schen Bahn (db broad­band). Doch dort gibt es keine Verträge mit Giga Fiber. Zu klären wäre zudem auch, wer die letzten Meter von den Bahn­stre­cken hin zu den Kunden verlegen soll und wer das vorfi­nan­ziert.

Den Link zur vollständigen Pressemitteilung finden Sie hier.

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